Landschaften aus Stille

Prof. Dr. Dr. Gerd Presler

Nicht erst seit heute, schon länger mischen Malerinnen und Maler ihren Farben Sand bei, um eine rauere, schroffere Bild-Oberfläche zu erzielen. Der Effekt ist kalkuliert. Es geht um die bewusste Abkehr von einer Grundvoraussetzung altmeisterlicher Malkultur, um die Überwindung einer Regel, die Jahrhunderte gegolten hatte: Glatte Oberfläche, Tilgung des Malvorgangs. Etwas anderes ist wichtiger: Das Fragmentarische, das sich im pastosen Farbauftrag inszeniert, beherrscht jetzt die Szene. Zudem: Der Blick richtet sich von der Mitteilung, dem Inhalt, der Botschaft des Werkes auf das Ersterlebnis seines Entstehens, auf die sichtbaren, nachvollziehbaren Spuren seines Werdens. Der schöpferische Akt tritt in den Mittelpunkt. Das „Machen“ dominiert. Denn: Ein Gemälde verdichtet nicht nur Inhalt. Es ist auch Materie: Pigmente, Malmittel und eben auch Sand. Was bedeutet: Das Gemälde wird geformt durch gestalterische Vorgänge, die in anderen Zusammenhängen stehen als denen der Plausibilität. Der gedankliche Hintergrund und seine Verwirklichung durch den schöpferischen Menschen in einem alle Spuren der schöpferischen Arbeit bewahrenden Arbeitsprozess geben sich die Hand.

Dieser Zusammenhang – Inhalt u n d Form; gedankliche Klarheit u n d der Dialog mit dem Material – tritt bei HCK Apfelbaum eine bemerkenswert enge Verbindung ein. Zunächst: Er mischt der Farbe keine Sandkörner zu. Erst n a c h dem Malprozess streut er sie, wirft er sie auf den noch nicht getrockneten, farbigen Grund und strukturiert so die Fläche. Die Sandkörner sinken ein wenig ein, behalten aber ihre eigene, von der Farbe nicht bedeckte Oberfläche. Sie ragen hervor. Es entstehen Erhebungen, die sich bei bestimmtem Lichteinfall konturieren; leichte Hügel, die Schatten werfen. Landschaften. Sandkörner: Es ist hilfreich, sich einen Moment vor Augen zu führen, aus welchen zeitlichen Herkünften sie stammen; über welche Stufen des Gewordenseins diese kristallinen Geschöpfe hinweggingen. Herkunft aus Stein und Fels, aus Gebirge, aus Kosmos, All und Materie, aus äußerster, letzter Verdichtung von Energie, geschliffen in Wetter und Wind, Feuer und Wasser, Hitze, Kälte und der unablässigen Bewegung des Meeres. Verwandelt, schließlich zerrieben in kleinste Strukturen. Ein Vorgang in gedehnter Zeit. Gleichwohl bleibt eines immer erhalten: Die Verbindung zum Anfang; die Herkunft aus einer Energiekonzentration, die sich in einem ungeheueren Beginn, dem Urknall, wandelte und Materie entließ: Baustein des Universums.

Das Datum dieser Weltsicht kann man angeben: Es ist das Jahr 1905. Und die Formel, in der Albert Einstein die Umwandlung von Energie in Materie festschrieb: E=mc², wurde Allgemeingut. Unendliche Energie abgekühlt auf inzwischen 3 Grad. Dafür ist das Sandkorn ein stummer Zeuge. Was sich im Sandkorn repräsentiert, verdichtet mithin eine lange Geschichte. Es ist nicht irgendeine; es ist unsere Geschichte. Auch wir entstammen kosmischem Staub, über viele Stufen durch innere Organisation geworden. Wem Sandkörner durch die Finger rinnen, der erlebt ihre Herkunft aus Kosmos und Gewalt. Wem Sandkörner durch die Finger rinnen, der erlebt eigene Herkunft. Das Anfängliche verbindet sich mit dem Jetzigen, das Chaos mit der Stille des Augenblicks. Um diese Stille geht es in den Bildern von Apfelbaum. Das Sandkorn ist ein Bedeutungsträger, denn es enthält Zeit. Alle Zeit. Und damit versammelt sich jene Stille, die diese Landschaften gedanklich zusammenhält. Sand, das diese Zeitenstille repräsentierende Material, macht die Werke von Apfelbaum zu den vielleicht stillsten Landschaften, die ich gesehen habe. Sie durchbrechen die klassische Definition und erweitern einen Topos der Kunstgeschichte um die unerlässlichen Konsequenzen, die aus einer nicht mehr von Theologie und Philosophie geprägten Weltsicht gezogen werden müssen.

Es ist gut, dass jemand visuell – nicht mit Worten – daran erinnert, woher de Mensch kommt, woraus er „gebacken“ ist, was er vor sich hat und was durch ihn in die Welt kommen soll. Der Mensch ist ein Zeitwesen. Er ist unterwegs, ein Wanderer. Ein geschichtliches Wesen mit einer besonderen Eigenschaft, die sich nur in ihm herausgebildet hat, und die deshalb durch ihn allein wahrgenommen werden kann. Das Sandkorn w u r d e gestaltet. Der Mensch gestaltet. Er ist frei. Der Mensch formt um, er verändert, macht d i e Welt zu s e i n e r Welt – wenn man ihn lässt, wenn die ihn begleitenden Ideologien, wenn die Systeme, in denen er lebt, ihm dazu die Möglichkeit, den Raum, die Zeit geben. Die meisten Systeme fordern die gestalterischen Gaben des Menschen, sein „talentum“, nicht ein, unterdrücken, bekämpfen es eher. Das macht nur um so deutlicher: Der Mensch wird geboren nicht zum Gehorsam, nicht zur Nachahmung, nicht zur Wiederholung des ewig Gleichen, nicht zum Konsum, sondern zur Teilhabe. Er ist in der Lage zu gestalten. Das spricht sich schon aus in einem unglaublich leistungsfähigen Organ: Das Gehirn. Nur 4% seiner Möglichkeiten werden be- und genutzt. 96% liegen in Reserve. Das ist eine großzügige Situation, geradezu komfortabel. Der Mensch muss sich, was diesen Punkt betrifft, keine Sorgen machen. Entwicklung ist möglich. Zukunft reichlich vorhanden. Der liebe Gott hat ihn gut ausstaffiert.

Praktisch heißt das: Jede Gegenwart ist Anfang. Was sein wird, hat mit dem Menschen zu tun. Was Menschen brauchen, ist gestaltender Mut, ist wahrgenommene Herkunft, ist Handeln aus der Stille einer langfristigen Perspektive. Wo es laut und schnell zugeht, ist Angst im Spiel. Ich kenne jemanden, der hat gesagt: „In der Welt habt ihr Angst. Aber ich habe die Angst überwunden.“ Es ist gut, vor Bildern zu stehen, die nicht dekorieren, sondern zum Nachdenken provozieren. Ein Sandkorn, das ein Maler als Element der Gestaltung in seinen Bildern verwendet, kann Anlass geben zu bemerken: Hier verdichtet sich geschichtliche Stille von weither; hier begegnet ein kristallisierter Zeuge solcher weiten Zeiträume, die zu tun haben mit „Anfang“, mit „Herkunft“, schließlich mit der Frage: „Wer bin ich eigentlich?“ In solchen Beobachtungen und Fragen wächst Zutrauen, ein unbedingtes Zutrauen zum Menschen – jedenfalls zu seinen Möglichkeiten, von denen er leider so viele vergibt.

HCK Apfelbaums Gemälde wecken im Betrachter Gedanken. Sie lassen nicht unberührt. Es sind Bilder, nicht aus dem Lärm des Alltags, sondern aus nachdenklicher Stille geformt. Vielleicht muss, nach allem, was die Naturwissenschaften an großen und großartigen Einsichten seit 1905 gefunden haben, Landschaft heute so gestaltet werden.

 

Prof. Dr. Dr. Gerd Presler, Weingarten